Kassel, November 2023
Stellen Sie sich vor, sie gingen seit 10 Jahre in die Schule um dort auf das Leben vorbereitet zu werden.
Stellen Sie sich weiterhin vor, wie Sie sich jeden Tag der Herausforderung der unterschiedlichsten Ansprüche und Vorgaben Ihrer verschiedenen Lehrer stellten; den unangekündigten Stegreifaufgaben, den wöchentlichen Vokabeltestests, den angekündigten Schulaufgaben, diversen Prüfungsersatzleistungen, Referaten, Leistungsbewertungen und der Bewertungen Ihrer mündlichen Mitarbeit.
Und nun stellen Sie sich vor, wie Sie dann endlich in der Oberstufe angekommen sind und eine offizielle Einladung über schulische Kommunikationswege erhielten, an einem Seminar zum “richtigen Lernen” teilzunehmen.
Ein externer “Lerncoach” solle den Schülern und Schülerinnen (SuS – die offiziell anerkannte Abkürzung bei Pädagogen; seit Neustem wird auch KuK, Kollegen und Kolleginnen, verwendet) in einem Workshop zeigen, wie man “richtig” lerne und sich auf Prüfungen vorbereite.
Als ich diese Einladung das erste Mal sah, war mein erster Gedanke: und was hatten die SuS die ersten 10 Jahre gelernt? Und was hatten die professionellen Lernbegleiter (aka Lehrer und Lehrerinnen – LuL?) den SuS in den vergangenen Jahren vermittelt?
Ein wichtiger Begriff im heutigen Pädagogik-Studium ist “Selbstreguliertes Lernen”. Hierbei handelt es sich um eine zentrale Schlüsselkompetenz, welche über die gesamte Bildungskarriere bedeutsam ist. Hierbei geht es insbesondere um metakognitive Prozesse hinsichtlich Planung, Zielsetzung, Überwachung und Bewertung des eigenen Lernprozesses.
Offensichtlich scheint aber genau dieses a den heutigen Schulen nicht vermittelt zu werden. Das Prinzip des “Nürnberger Trichter” herrscht weiterhin vor. Statt “Kompetenzorientiertem Unterricht”, weiterhin Vermittlung und Abfrage von kristallinem, deklarativen Wissen (Faktenwissen), welches direkt aus Lexika oder dem Internet abgerufen werden kann. In Kombination mit immer steigenden Ansprüchen an die aktuelle Schülergeneration lautet das Resultat “Bulimielernen” ohne tiefgreifenderen Verständnis, Anknüpfung oder Anwendung auf vergleichbare Probleme.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch a den Besuch eines Elternabends der Klasse 7 meiner Tochter in dessen Verlauf die beiden damaligen Sprachlehrerinnen jeweils ihr Fach und ihre Herangehensweise ans Sprachenlernen vorstellten. Als betroffener Vater (und “Kollege”) erlaubte ich mir die Frage, ob analog zum “Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen” (GeR), den SuS auch erläutert würde, welche Bausteine alle notwendig seien, um eine Sprache zu lernen (z.B. Wortschatz, Lesen, Schreiben, Grammatik, Kommunikation – familiär, professionell – monologisch, dialogisch, etc.) und ob hier die gängigen Anforderungsbeschreibungen für die einzelnen Sprachniveaus (A1, A2, B1, B2, C1, C2) als Zielformulierung für die SuS verwendet werden könnten. Als Antwort erhielt ich die Aussage, dass “man dies mit Kindern dieser Altersstufe nicht machen könne.” Ich war mir in diesem Moment unsicher, ob beide Lehrerinnen den GeR überhaupt kannten.
Hinsichtlich der Wortschatzarbeit fragte ich damals weiterhin ob neben dem “klassischen Vokabelabschreiben” den SuS auch weitere Möglichkeiten und Lernmethoden (z.B. Wortketten, Wortwolken/-felder, Kontextualisierung, Bilder, Spiele, laut vorlesen, Karteikarten oder modern online mit Quizlet) vermittelt würden, damit die SuS aus verschiedenen Methoden IHRE Methode herausfinden könnten. Antwort: Nein!
Es ließen sich noch viele solche Beispiele und Vorkommnisse schildern, in denen den SuS die Chance genommen wird, sich wirklich für das Leben und dessen Herausforderungen entwickeln zu können. Statt dessen herrschen Streß und Leistungsdruck, statt Lernmotivation und Entdeckergeist.
Schule ist kein Selbstzweck und Lernprozesse brauchen Zeit. Unsere Kinder sind zu großen Leistungen imstande, wenn sie entsprechend unterstützt werden und die Freiheit erhalten, sich mit den Dingen zu beschäftigen, die gerade eben für sie wichtig und bedeutsam sind. Das bedeutet allerdings auch, einen Teil der Kontrolle abzugeben – auch was das Ergebnis angeht. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass man hier einen guten alternativen Zwischenweg entwickeln und finden kann.
Und man könnte auch die Erkenntnisse aus der Neurophysiologie hinsichtlich Lernprozessen (z.B. Sprachen täglich 15’) oder die Bedeutung von Bewegung für Lernprozesse berücksichtigen und einbauen. Vor allem aber könnte man das Fachwissen radikal reduzieren (wie bedeutsam für das Leben ist es, in der Klasse 5 im Biologieunterricht die Knochen eines Fisches auswendig zu lernen?!) um überhaupt erst Raum für Selbstregulation, Selbstreflexion, intrinsischer Motivation und den Aufbau von Lebenskompetenzen zu schaffen.
Non vitae sed scholae discimus, oder? Gute Nacht
