Granteln für Fortgeschrittene

Ottobrunn, Mai 2024

gran I teln: süddeutsch, österreichisch, umgangssprachlich, mürrisch sein, sichtlich schlechte Laune haben, verdrießlich sein und sich entsprechend negativ äußern

Das Granteln ist dem Süddeutschen in die Wiege gelegt. Wir granteln somit täglich und zu allen Anlässen. Wir granteln über Mitfahrer im Straßenverkehr, über unsere Arbeitskollegen, den Chef, die Verwaltung und Politiker – oder einfach nur über unsere Mitmenschen im Alltag. Auf jeden Fall ist Granteln gesund und eine notwendige Sozialtechnik zum Abbau von Stress.

Ein aktueller Anlass für mich war der letzte 1. Mai – bei Sonnenschein zumeist Beginn der ersten Ausfahrt unserer zweirädrigen Freunde, den wahren Helden der Straße und nun auch der Forstwege im Wald – die Easy-Rider der E-Mountain-Bikes.

Während ich mich selber auf konventionellem Weg, mit eigener Muskelkraft, den Berg hoch quälte, hört ich plötzlich hinter mir ein lautes Surren. Und nachdem ich es gerade noch schaffte, nach Rechts auszuweichen, schossen sie schon an mit vorbei, im gestreckten Galopp – mit voller Motorunterstützung ihrer 0,34PS starken Rennmaschinen.

Ohne Anstrengung rollten zwei ältere Herren so schnell an mir vorbei, dass ich das Gefühl hatte, am Straßenrand zu stehen. Den Sattel tief, weil die Sitzposition somit aufrechter und bequemer ist – und vor allem, weil der Ranzen vorne nicht klemmt – als Presswurst verkleidet wie ein Profi-Biker bei Red Bull Rampage, auf dem Rücken einen Rucksack zum entsprechenden Gewichtsausgleich, gefüllt mit isotonischen Durstlöschern, Knie- und Rückenprotektoren, einem Full-Face-Helm für die spätere Abfahrt und natürlich dem notwendigen Ladegerät.

Kommen die Sportler dann am Herkules an, laden‘s erst einmal ihren Flüssigkeits- und Mineralspeicher auf. Mit leichterem Rucksack geht‘s weiter zur Mountainbike-Strecke im Bergpark. Oben angekommen wird sich gerüstet mit Helm und Protektoren und schon wird die Strecke runter „geballert“ – auf einem Flow-Trail.

Unten angekommen, wird sich abgeklatscht und die Heldentaten begossen. Da ist der Sprung nach der vierten Kurve – Wahnsinn – mindestens 2 Meter – weit – und dann die „Mords-Berm“ (eine überhöhte Kurve) danach – 30 cm hoch – die ist einfach nur ausgefahren, ihr Spacken – genauso mörderisch wie der 20cm „Drop“ – der Trail ist echt „Gnarly“ – „Oida, do samma ordentlich obidengelt“!

Vor der nächsten Fahrt noch kurz ein Check der Ladeleistung und schon geht‘s wieder hoch zum nächsten Abenteuer.

Kurz bevor der Akku dann leer ist, geht‘s zurück über den Herkules auf Forstwegen hin zur Grimm-Hütte mitten im Wald (ehemals Erlenloch), wo erstmal aufgetankt wird – Strom fürs Bike und ein isotonischer Durstlöscher für den Sportler. Dann schwelgen‘s noch einmal in ihren halsbrecherischen Fahrten und fachsimpeln über die neusten Bikes und Equipment – und bevor es dann surrend heim geht, verabreden‘s sich fürs kommende Wochenende wieder zum „Shredden“- Freiheit auf zwei Rädern im Wald – die Natur bezwingen – moderne Easy-Rider – YOLO – Gute Nacht