Schein und Sein

Ottobrunn, November 2024

Letztens hörte ich im Radio die Nachricht, dass der bayerische Ministerpräsident Söder in den bayerischen Schulen an den „Exen“ (Stegreifaufgaben, die nicht angekündigt wurden) festhalten wolle. Der Aufschrei beim Bayerischen Lehrerverband hierauf war groß. Man würde die Schüler und Schülerinnen (SuS) unnötigen Streß aussetzen und im übrigen seien diese nicht angekündigten Arbeiten ungeeignet um die Leistungen der SuS überprüfen und bewerten zu können.

Offensichtlich war der Lehrerverband der Meinung, dass im Vorfeld angekündigte Arbeiten, auf die sich SuS gezielt vorbereiten und dann ihr ins Kurzzeitgedächtnis übergangsweise hinterlegte deklarative Wissen einmalig reproduzieren konnten (sogenanntes „Bulimielernen“) – ein Phänomen welches sich aktuell vermehrt auf annähernd alle Lebensbereiche ausdehnte – geeigneter seien, den Leistungsstand von SuS bewerten zu können. Und das zu einer Zeit, in der in anderen, oftmals kleineren und wirtschaftlich weniger leistungsfähigen, Ländern der EU der Einsatz von KI im täglichen Unterricht schon normal war und der Schwerpunkt der Arbeitsaufgabe für die SuS eher darin lag, zu erklären, an welchen Stellen sie warum die KI eingesetzt und darüber zu reflektieren, was sie durch deren Einsatz gelernt hatten.

Und jedes Jahr eine neue Erfolgsmeldung des jeweils amtierenden Kultusministers in Hessen, dass nun dies der bisher stärkste Abiturjahrgang seit Einführung des Zentralabiturs sei – obwohl die Abiturprüfung nur 1/3 der Gesamtnote ausmachte. Zwar zeigten ausgewertete Daten (von 2007 – 2023) auch fast eine Verfünffachung der SuS mit einer Abiturnote von 1,0 (2023 fast 5% der Abiturienten) und auch eine Verbesserung der Durchschnittsnoten von 2,48 auf 2,25 (2,23 in 2022), aber sagte dies wirklich etwas über die Leistungsfähigkeit oder das Können aus?

Neben der Tatsache, dass weiterhin seit Jahren den SuS keine objektive Bewertungskriterien für die Vorleistungen oder klare Erwartungshorizonte in ihren Kursen an die Hand gegeben wurden und die Notengebung somit ein wenig willkürlich erschien, erstaunte mich auch die Tatsache, dass ein Kurs mit 45% der Leistung als bestanden galt. 

Ich bildete mir immer ein, dass hierzu 50% erreicht werden mussten. Wie zum Beispiel in der Ausbildung zum Fluggerätmechaniker – obwohl auch hier noch vor einigen Jahren 65% zum Bestehen erreicht werden mussten. Dass zum Bestehen des Abiturs dann nur 33,3% der erreichbaren Punkte für die Note 4 ausreichten, wunderte mich dann auch nicht mehr. Aber was sagten Zahlen überhaupt über einen Menschen aus?

Scheinwelten gab es überall. Seit der Wahl J. F. Kennedys zum US Präsidenten, weil er vor allem in den Medien besser aussah als der bisherige Vizepräsident Richard Nixon, hatte sich die Technologie über digitale Bildbearbeitung zu real animierten Videoclips im letzten Jahrzehnt exponentiell weiter entwickelt. Jedes Smartphone ermöglichte es schon über Filter das eigene Bild so zu verändern, wie es einem selbst gefiel. Die Verpackung der Botschaft wurde wichtiger, als die Nachricht selbst, ein Trend, den Neil Postman schon 1985 in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tod“, damals bezogen auf des Fernsehen, beschrieben hatte.

In sozialen Medien und auf Videoplattformen wie TikTok stellten sich junge Menschen so dar, wie sie gerne wären und nahmen dazu bei Aufnahmen die skurrilste Posen ein um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Ein ähnlicher Effekt wurde durch „Bodyforming Underwear“ oder „Shapewear“ erreicht – einfach angezogen und schon war man schlank und schön, wie die mageren Models in der Werbung. Die Aufnahmen danach waren auch toll – aber was war dann beim Ankommen in der Realität – wenn man sich Abends zu Hause auszog und vor dem Spiegel stand – oder mit dem heißen Club-Flirt endlich zu Hause war und es zur Sache ging – musste die Unterwäsche dann „an“ bleiben, oder machte es einfach „Flupp“?

War es dann ähnlich dem „Bildnis des Dorian Gray“ (Oscar Wilde, 1891), der ewig schön wie sein Porträt bleiben wollte, während seine Seele verkümmerte? Für ihn „alterte“ das Gemälde, so dass er selbst es nicht mehr sehen wollte und als er dann nach vielen Jahren dieses wahre Abbild seiner Selbst doch ansah, verstarb er bei diesem Anblick.

Heutzutage machte es die Generative KI dem Normalbürger nahezu schon unmöglich, Wahrheit und Schein, manchmal sogar manipulative Lüge, voneinander zu unterscheiden. Die sozialen Medien boten schon lange entsprechende Filter zum „Pimpen“ der eigenen Erscheinung an.

Aber Schein fand man an ganz vielen Stellen. Waren Markenprodukte von namhaften Designern früher nicht nur durch ihr Aussehen, sondern auch durch ihre Qualität besonders wertvoll, fand man heute regelmäßig Produkte von Joop oder Calvin Klein in deutschen Discountern – dann allerdings zu den entsprechenden Discount-Preisen – im wahrsten Sinne des Wortes nur mehr „preiswert“.

Ein weiteres Beispiel fand sich im Sport. Musste man früher in der Leichtathletik zur Teilnahme an höheren Meisterschaften eine entsprechende Qualifikationsleistung erbringen, waren Veranstalter heute froh, wenn es noch genügend Teilnehmer gab, damit es überhaupt den Anschein einer wirklichen Meisterschaft gab. Bei nur 3 Teilnehmern in einer Disziplin und einem Jahrgang…… Bei deutschen Meisterschaften musste man sich früher sogar noch am Vortrag in einem Qualifikations-Wettbewerb erst für den eigentlichen Wettkampf qualifizieren. In technischen Disziplinen erfolgte nun eine Nominierung anhand der bisherigen Wettkampfergebnisse während der laufenden Saison. So verlief alles schneller und medienoptimierter – und verbarg die Tatsache, dass die Leistungen in der Breite in Deutschland erschreckend nachgelassen hatten – soweit, dass man auch auf Deutschen Meisterschaften teilnehmen konnte, ohne die dafür notwendige Qualifikationsleistung erbracht zu haben.

Aber auch in der Politik regierte der Schein der Demokratie. Bitte nicht falsch verstehen: ich bin froh, dass wir hier in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Frieden, Freiheit und Sicherheit leben konnten – und mir fällt „auch mal eben so“ kein Land ein, welches ein besseres System hat, aber….. Als Mitglied einer politischen Partei hatte ich die Hoffnung am politischen Leben, Diskurs, Ziel- und Maßnahmengestaltung teilhaben zu können. Ich erhielt keine Mitgliederliste, mein Ortsverband lud mich zu keiner einzigen Veranstaltung ein und auch zu den Stammtischen des benachbarten Ortsverbandes wurde ich nur über Umwege und auf Nachfrage eingeladen. Zur Mitgliederversammlung des Ortsverbandes erschienen 2 Mitglieder (ich war eines davon und senkte dabei das Durchschnittsalter erheblich) und wählten dann mir völlig unbekannte Personen zu Vorstand und Wahldelegierten „in Abwesenheit“. Alles war im Vorfeld schon geregelt – auch, wer welchen Listenplatz erhielt. Und wenn ein Spitzenkandidat einer Partei auf einem Wahlparteitag dann von den vorher „gewählten Delegierten“ mit einer Mehrheit von über 96 Prozent erfolgreich „gewählt“ wurde, dann erinnerte mich das eher an Bestätigungen durch ein „Zentralkomitee“, welches es seit 1990 allerdings nicht mehr in Deutschland gab.

Wir lebten in einer Welt erdachter Rituale, die aus meiner Sicht oftmals nur den „Schein wahrten“. Manchmal überlegte ich mir schon, wie wohl die Geschichtsbücher in einigen hundert Jahren unsere heutige Zeit beschreiben würden – ähnlich wie wir heute das „dunkle Mittelalter“, welches wir dank Aufklärung, Reformation und Humanismus überwunden hatten? 

Eins hatte sich nicht verändert, und wird es sich wohl auch nicht: „Die Welt will betrogen werden.“ (Sebastian Brant, Narrenschiff, 1494) Ob mit luftigen Produktverpackungen, gesunden Lebensmitteln, dem vom Hersteller angegebenen Benzinverbrauch von Neuwagen, der CO2-Bilanz von grünem Wasserstoff oder LPG, welche aus Indien, Saudi-Arabien oder Katar per Containerschiff zu uns transportiert wurden, usw….

In der Hoffnung, dass weiterhin Freiheit, Toleranz und Frieden unsere Zukunft begleiten werden: Gute Nacht