Alles Recht

Bad Reichenhall, September 2026

Recht, das: Gesamtheit der staatlich festgelegten bzw. anerkannten Normen des menschlichen, besonders gesellschaftlichen Verhaltens; Gesamtheit der Gesetze und gesetzähnlichen Normen; Rechtsordnung (Duden Online-Wörterbuch, https://www.duden.de/rechtschreibung/Recht, Abruf 04.09.2026)

„Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“, soll der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) einmal gesagt haben. Der Dichter Matthias Claudius (1740-1815) formulierte es so: „Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet“, was sich in dieser Form dann auch im Artikel 4 der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789 findet. 

Um diese individuelle Freiheit zu schützen und ein friedliches Miteinander zu ermöglichen formulierte der Mensch somit Regeln, die Konflikte verhindern und lösen und den Einzelnen vor Übergriffen anderer Personen oder des Staates schützen sollte.

Recht fiel somit grundsätzlich nicht vom Himmel, wie die Zehn Gebote aus dem Alten Testament, sondern entstand im täglichen Leben im gemeinsamen Konsens.

Allerdings gab es kein universelles Recht, auch wenn nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs die Vereinten Nationen im Jahr 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte formulierten. Recht ist auch immer Ergebnis einer kulturellen Entwicklung und diese verlief in jedem Land anders. Wer konnte für sich behaupten, dass er die alleinige Hoheit darüber hatte. Wer war in der Lage zu bestimmen, welches Recht das Richtige sei – Sharia, Hindu, Common Law, EU-Recht. Jeder Nationalstaat hatte seine eigene Verfassung und somit sein eigenes Rechtssystem.

Nun gab es In der westlichen Welt einen, vom deutschen Soziologen Friedrich Tönnies in seinem Hauptwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887) formulierten, Shift hin zu einer zunehmenden Verrechtlichung der menschlichen Beziehungen untereinander. Tönnies beschrieb einen Übergang von einer vertikal hierarchisch strukturierten Gemeinschaft mit Abhängigkeiten der Menschen untereinander, hin zu einer horizontalen Gleichstellung, in der Menschen untereinander nur mehr in Rechtsbeziehungen standen. 

Waren in der Gemeinschaft die Führer von Familie, Sippe, Clan, Stadt, Nation für das Wohlergehen jedes Einzelnen zuständig, übernahmen es heute die Gerichte. Und die Anzahl der Klagen stieg exponentiell. Der Stau vor deutschen Gerichten hatte schon die Ausmaße des Mont Blanc. Fast täglich wurden neue Urteile verschiedener Gerichte veröffentlicht, womit wieder neues Recht geschaffen wurde. Die Rechtssysteme wurden somit stetig umfangreicher und komplizierter, so dass einige Verfahren über 25 Jahre dauerten, ehe ein Urteil gesprochen wurde.

Hatte sich die von Tönnies beschriebene Gesellschaft selbst handlungsunfähig gemacht und waren hierarchische Machtstrukturen wie zum Beispiel in Saudi Arabien besser geeignet um Frieden, Freiheit und Wohlstand einer Nation besser zu sichern? Denn der oben genannte gesellschaftliche Konsens darüber, was ethisch und moralisch richtig war und so schon seit vielen Generationen inneren und äußeren Frieden sicherte, geriet zu Beginn des neuen Jahrtausend in der westlichen Hemisphäre immer stärker unter Druck. Demokratisch gewählte Führer begannen sukzessive Rechtssysteme zum eigenen Machterhalt umzubauen – selbst wenn dies nicht „rechtens“ war. Denn Recht musste auch durchgesetzt werden. Wer aber sollte das tun, wenn das Volk schwieg oder durch Gewalt unterdrückt wurde und die Exekutive wiederum dem rechtsbrechendem Führer unterstellt war? War Recht doch nur etwas, was vom Stärkeren geschrieben wurde?

Besonders dramatisch zeigte sich dieses Dilemma bei internationalem Recht. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag konnte zwar Haftbefehle ausstellen – auch gegen gewählte Führer, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen – war jedoch darauf angewiesen, dass er von allen Staaten anerkannt wurde, was jedoch nicht passierte. Die USA sanktionierte sogar Ermittler und Ankläger, als gegen US-Soldaten wegen Kriegsverbrechen ermittelt werden sollte. Auch Assad, Putin oder Netanjahu würden vermutlich nie verhaftet oder verurteilt werden. Ebensowenig würden China oder Indien im Falle eines Haftbefehls Personen ausliefern, da alle diese Länder auf ihr eigenes, nationales Recht bestanden.

Gerne wurden die Nürnberger Prozesse im Nachkriegsdeutschland als Musterbeispiel für die Bestrafung von Kriegsverbrechern herangezogen. Jedoch war hier zu berücksichtigen, dass diese von den Siegermächten initiiert wurden, die nun ihr Rechtsverständnis durchsetzen konnten. Und die Frage, ob nun Richter, die während der NS-Zeit nach geltendem Nationalrecht Urteile gefällt hatten, nun zu verurteilen waren, wurde auch heute noch diskutiert.

Es stand außer Frage, dass Menschen, die bewußt andere Menschen zu ihrem eigenen Vorteil schadeten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen begingen, zu verurteilen waren und sind. Mir erschien es hingegen so, als ob die meisten Menschen innerhalb eines Landes sehr wohl friedlich miteinander auskamen und nur ein kleiner Teil die eigene Macht, auch gegen andere Staaten, auszuweiten suchte. Eine gewaltbereite Minderheit, welche die friedliche Mehrheit unterdrückte? Schon die alten Griechen hatten dieses Problem erkannt und aus diesem Grund das Scherbengericht eingerichtet, mit dem zu mächtige Bürger oder Tyrannen verbannt werden konnten.

All jenen, die nun lieber den Kopf in den Sand steckten und sich wegduckten, möchte ich die Worte Charly Chaplins aus der Schlussrede des Films „Der große Diktator“ in Erinnerung rufen:

„Ihr, das Volk, habt die Macht – die Macht, Maschinen zu erschaffen. Die Macht, Glück hervorzubringen. Ihr, das Volk, habt die Macht, das Leben frei und schön zu gestalten – aus diesem Leben ein wundersames Abenteuer werden zu lassen. Lasst uns also – im Namen der Demokratie – diese Macht anwenden – vereinigt euch! Lasst uns kämpfen für eine neue Welt, für eine gesittete Welt, in der jedermann die Möglichkeit hat zu arbeiten, die der Jugend eine Zukunft und die dem Alter Sicherheit zu geben vermag.“

Ich hoffe, dass viele Menschen aufstehen und zusammen im Sinne von Charly Chaplin und Mahatma Gandhi eine friedliche Welt erschaffen, in der alle Menschen in Freiheit, gleichberechtigt, friedlich mit ausreichendem Wohlstand, Bildung, Gesundheitsversorgung und einem stabilen Rechtssystem, leben können. Möge Friede auf Erden sein. Gute Nacht.