Schlaflos in Whistler

Whistler, Mai 2020

Mein größtes Problem in Whistler war, dass ich nachts Probleme mit dem Schlafen hatte. Tagsüber auch, aber Nachts war es besonders schlimm. Obwohl mein Körper durch die ganzen Aktivitäten tagsüber müde war: sobald ich mich hinlegte, fing mein Kopf an zu rotieren und meine Beine begannen zu kribbeln. Ich drehte mich von Rechts nach Links, auf den Bauch, auf den Rücken, meditierte, machte Yoga, betrachtete die Sterne, machte kalte Kneipp-Aufgüsse für die Beine – es half nichts. Die frei verkäuflichen „Schlafhilfen“ halfen nicht, ebenso wenig die hier frei verkäuflichen THC-Gummibärchen (Cannabis). Mehr als vier Stunden Schlaf grenzten an ein Wunder, was langsam auch zu körperlicher Erschöpfung führte.

Eigentlich war ich in der Zwischenzeit schon lange genug in Kanada, als dass es noch ein Jet-Lag sein konnte, trotzdem probierte ich dann Melatonin-Tabletten mit Magnesium in Kombination mit Vitamin B6: es funktionierte! Zwar wachte ich immer noch auf, aber die bisherige Unruhe in den Beinen und im Kopf nahm ab, und ich erholte mich langsam. Nachfolgend nun einige Auszüge von nächtlichen Gedankengängen.

In der Anfangszeit machte ich mir hauptsächlich darüber Gedanken, wie wir hier die aktuelle Krisensituation für eine dauerhafte Veränderung in unserem täglichen Miteinander nutzen konnten. Die hierzu passenden Begriffe waren für mich „Entschleunigung“ und „Konsumverzicht“. Hierüber tauschte ich mich mehrfach über elektronische Briefe auch mit einigen Freunden aus Deutschland aus, mit denen ich schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Dies erinnerte mich ein wenig an die früheren Briefwechsel, in denen man ähnlich eines Monologs seine Gedanken niederschrieb und mit der Verzögerung von mehreren Tagen erst eine Antwort erhielt. Ein erster Schritt zur Entschleunigung, ein Gegenkonzept zu kurzen, hin und her geschickten, inhaltslosen, unreflektierten Nachrichten, die einzig und allein eine sofortige Reaktion erwarteten, und kaum, dass sie geschrieben, schon wieder vergessen waren. Der aktuelle Lockdown stellte aus meiner Sicht eine einmalige Gelegenheit dar, sich wieder zu besinnen, nachzudenken, sich und sein Tun zu reflektieren, mit weniger Reizen fürs Gehirn ruhiger zu werden und sich neu zu begegnen. Die Zukunft würde es zeigen, ob und wieviel wir aus dieser Zeit für uns mitnehmen würden.

Weitere Gedanken kreisten aus gegebenen Anlass um die Effektivität deutscher Verwaltung in Krisenzeiten und die Zementierung von gesellschaftlichen Ungleichheiten durch die Krise. Durch die Schulschließungen waren die Kinder zu Hause und da ich nicht da war, blieben alle Betreuungsaufgaben an meiner Frau hängen. Aufgrund der Krise sagten auch  immer mehr Patienten ab und es war insgesamt unklar, inwieweit sie überhaupt noch als Osteopathin praktizieren durfte. Nachdem sie schon seit Jahren als Selbstständige in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt hatte, sollte sich dies nun auszahlen: sie meldete sich folglich korrekt arbeitslos. Nach mehrfachem hin und her und Rückfragen kam dann eine Einstufung als Physiotherapeutin, welche einem Ausbildungsberuf entsprach und nicht ihrer aktuellen, akademischen Qualifikation. Es gab allerdings in den Listen weder Heilpraktiker noch Osteopathen. Und obwohl sie nicht dazu verpflichtet war, sich unter ihrer Qualifikation zu bewerben, bekam sie plötzlich Stellenangebote als Physiotherapeutin zugesandt. Nicht nur, das diese Stellen auch schon gar nicht mehr zu besetzen waren, es durfte hier oftmals auch gar nicht mehr praktiziert werden. 

Ähnlich verhielt es sich bezüglich des schon im vergangenen Jahr geplanten – und schon bezahltem – Urlaub, der ja eventuell von der Verwaltung nicht genehmigt werden konnte, da es ja sein könne, dass sie sich genau in dieser Zeit bewerben oder nun endlich persönlich – bislang verlief der Kontakt nur telefonisch oder online – vorstellen müsste. Logisches Nachdenken war hier Fehlanzeige – stumpfes Abarbeiten von vorgegebenen Prozessen angesagt. Sehr schön auch die Antwort auf die Frage bzgl. der zukünftigen Versicherung, wenn meine Frau wieder anfangen würde selbstständig UND in Teilzeit beschäftigt zu arbeiten. Keine Antwort, sondern ein Antragsformular, datiert auf das Datum des Telefonats mit der Bitte die gemeldeten Arbeitszeiten bitte exakt nachzuweisen. Sollte sie das nicht können, wäre es auch möglich, diese bei der Agentur für Arbeit zu erfragen. Häh?

Und während tausende „einfache“ Arbeiter, Angestellte, Selbstständige und Freiberufler um ihre Zukunft bangten, saßen Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes bei vollen Bezügen abgesichert zu Hause und renovierten ihre eigenen 4 Wände. Noch schlimmer traf es hier Grundschullehrer, die es nach den Schulschließungen während der Osterferien nicht schafften, digitale Alternativangebote für die Schüler/innen zu entwickeln. Und erst nach weiteren 4 Wochen war es möglich per E-Mail von allen Lehrern plötzlich mit vorgegebenen Aufgabenvorschlägen aus digitalen Lehrwerken der Lehrbuchverlage bombardiert zu werden. Eltern mussten diese dann ausdrucken, dafür Sorge tragen, dass sie von den Kindern bearbeitet wurden und danach sollten sie noch in der Schule abgeliefert werden. Und als dann im Juni zumindest an Grundschulen wieder ein eingeschränkter Unterricht stattfinden sollte, war unklar, ob überhaupt genug Lehrer zur Verfügung standen, da diese ja in den vergangenen Monaten so viele Überstunden geleistet hätten und teilweise freigestellt waren. An irgend einem Punkt im Verlauf der vergangenen Monate hatte ich offensichtlich irgend etwas Entscheidendes übersehen, oder konnte bestimmte Dinge nicht mehr verarbeiten. Schrecklich, aber wenn es Nachts um mich herum still war, wurde der Affe in meinem Kopf umso lauter. Guten Morgen.

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