Katzenblues

Kassel, Dezember 2021

Ich war schon immer ein Katzenmensch. Setzte ich mich als Kind irgendwohin, kam unser Kater sofort zu mir, sprang auf meinen Schoß und begann zu schnurren. Und Nachts schlief er neben mir in meinem Bett. Das war ein sehr schönes Gefühl – ich war nie allein.

Nachdem ich dann meine erste eigene Wohnung im Erdgeschoß hatte, bekam ich auch hier Besuch von Katzen, die sich offensichtlich bei mir sehr wohl fühlten. So kamen wir dann auch zu unserer ersten eigenen Katze: WIR wurden adoptiert. Und so wuchsen auch meine Kinder mit Katzen auf.

Aktuell lebten drei Katzen mit uns zusammen. Zwei Senioren und ein pubertierender Teenager. Und in all den Jahren des Zusammenlebens hatte sich an der Zuneigung der Katzen mir gegenüber auch nichts verändert. Erst unser jüngster Sohn machte mir hier ein wenig Konkurrenz um die Katzenliebe, was sich darin zeigte, dass die Katzen lieber bei ihm im Bett schliefen, als bei mir. Dies stellte allerdings eher eine Entlastung für mich dar, da ich nun nicht mehr Rücksicht auf Katzen nehmen musste, die ansonsten auf mir, eng neben mir oder zwischen meinen Beinen schliefen und mich um den Schlaf brachten.

Leider blieben die anderen Liebesbeweise jedoch auf mich konzentriert. Und ich begann langsam daran zu zweifeln, wirklich wegen mir als Person geliebt zu werden. Ein kluger Mensch bemerkte mal, dass der Übergang von Gutmütigkeit zu Dummheit fließend sei. Auf welcher Seite dieses Übergangs ich mich nun genau befand, war noch etwas unklar, ich bekam allerdings so langsam eine Ahnung.

So konnten die Katzen stundenlang zufrieden und ruhig auf ihren Lieblingsplätzen liegen, ohne irgend einen Laut von sich zu geben. Betrat ich allerdings das Haus, war es mit der Ruhe vorbei. Sofort sprangen die Katzen auf, liefen in die Küche, strichen mir um die Beine und plärrten mich an, damit ich sie fütterte. Während alle anderen Hausmitbewohner entspannt ihrer Tätigkeit nachgingen und sich eben NICHT um die Katzen kümmerten. Ich fühlte mich wie in Akif Pirincci‘s Roman Felidae zum Dosenöffner degradiert. Und damit nicht genug, wurden unsere Senioren im Alter auch noch wählerisch. Was gestern noch hoch begehrt war, wurde heute schnöde verpönt und das Plärren ging von Neuem los. Gut, wenn ich vorsorglich schon die verschiedensten Marken und Geschmacksrichtungen besorgt hatte, so dass im Bedarfsfall eine Alternative zur Verfügung stand.

Mit dieser Entwicklung einher ging eine zunehmende Ungeduld bei den Katzen. Wurde nicht umgehend reagiert, kam zu den auditiven Signalen noch Kratzen an den neuen Stühlen, dem neuen Sofa oder dem alten Weichholzschrank hinzu. Und unser pubertierender Katzenteenager bevorzugte in solchen Situationen dann auch schon mal gerne das Bein des gerade an ihm vorbei Laufenden, welches er wie den Schinken eines Beutetiers ansprang, sich fest krallte und rein biss. Deutlicher konnte man nicht darlegen, WER im Haus das Sagen hatte. Je nach eigener Verfassung konnten diese Momente ähnlich viel Streß erzeugen, wie eine Notfallarena des DRK, in der Streßsituationen zu Schulungszwecken simuliert wurden – Lautstärke und Tonlage unserer Katzen kamen da schon annähernd hin.

A propos Lautstärke: auch Katzen hörten im Alter offensichtlich schlechter. Zumindest würde dies die enorme Lautstärkenzunahme der Willensäußerungen bei unseren Senioren erklären. Waren sie drinnen, riefen sie laut, um raus gelassen zu werden, was aufgrund der senilen Blasenschwäche auch immer häufiger vorkam. Und waren sie draußen, wollten sie wieder rein, weil es draußen zu kalt war. Tagsüber stellte dies kein allzu großes Problem dar, da zumeist jemand da war, der die Tür öffnen konnte. Unangenehm war dies jedoch Nachts. Der Katzenjammer erreichte hier gefühlt die Lautstärke eines Martinshorns und forderte zum unverzüglichen Handeln auf, ohne Rücksicht auf meine eigene Verfassung zu nehmen. Denn natürlich wurde auch hier von den Katzen alleine auf MEINEN Diensteifer zurück gegriffen.

Einer unserer Senioren konnte stundenlang zufrieden und entspannt im Wohnzimmer bei meiner Frau liegen, um dann aufzustehen, den Flur entlang bis vor unsere Schlafzimmertür zu laufen und mich dann mit lautem Plärren aus dem Bett zu jagen, damit ich aufstünde, mit ihm zurück ins Wohnzimmer ging und ihm die Terrassentür aufmachte. Dies geschah vornehmlich zum ersten mal kurz nachdem ich gerade eingeschlafen war. Das nächste Mal war dann etwa um 02:30 Uhr und später nochmal so gegen 04:30 Uhr. Diese Prozeduren konnten auch noch mit einer Futteranforderung kombiniert werden. Und falls ganz Gewitzte nun meinten, „lass die Katzen doch einfach draußen“, erinnere ich an die oben beschriebene Lautstärke. Aus Angst, die Nachbarn könnten meinen, ein Kind schreie Nachts vor unserer Tür und holten die Polizei, musste ich die Katzen wieder rein lassen.

Mein Nervenkostüm litt merklich. Gefühlt alterte ich täglich um mehrere Jahre und die Freude daran, bei Katzen so beliebt zu sein, erreichte einen Tiefpunkt. Der Blues hatte mich fest im Griff. Mir kam Fredl Fesl‘s Lied Für die Katz in den Sinn, in dem er ob Nachts singender Katzen wie folgt sang: „A Katz, des is koa greißlich’s Viech, doch wenn ich‘s momentan bloß siech, dann kannt i schrei‘n vor lauter Wuat, weil‘s mi ärgert, bis aufs Bluat.“ Nachdem alle Versuche, die Nachts „singenden“ Katzen zu verscheuchen, dann fehl schlugen, landete er zum Schluss auf der Polizeiwache und resümierte: „in‘d Zell’n nei g‘stoß‘n, Tür foit zua, endlich hob i jetzt mei Ruah.“ Sollte ich es eventuell doch auch mal darauf ankommen lassen? Eine ganze Nacht Ruhe? Welch verlockender Gedanke – vorher aber noch die Katze raus lassen, oder rein, oder füttern, oder streicheln, oder….. Guten Morgen.

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