Nichts als die Wahrheit

Kassel, August 2023

Oceania, Ministry of Truth (responsible for News, Entertainment, Education, Fine Arts): „Who controls the past, controls the future: who controls the present controls the past.“ (1984, George Orwell)

Wahrheit ist ein interessantes Phänomen. Jeder nimmt sie für sich in Anspruch, jedoch ist sie keine verbindliche Tatsache, sondern zumeist nur diejenige Darstellung, der wir am meisten Glauben schenken, oder die für uns persönlich emotional am angenehmsten ist.

Was wahr ist, und was nicht, bleibt immer häufiger diffus. Was wir nicht selbst erlebt haben, erfahren wir von Anderen – Menschen oder Medien. Hierbei ist der zentrale Punkt die Glaubwürdigkeit des Mediums. Waren dies in der Frühgeschichte die „Alten und Weisen“, welche die wahren Geschichten mündlich überlieferten, glaubte der Mensch später den Schriften, dann Bildern, Fotografien, Filmen, Zeitungen und heute den Social Media Kanälen mit ihren Influencern.

Und somit kämpft jedes Medium in seiner Zeit um Seriosität und Glaubwürdigkeit. „Das habe ich mit meinen eigenen Augen erlebt“, oder „das ist einem Freund passiert“ sind hier die einfachsten Rechtfertigungssätze. „Das international renommierte Insitut am MIT hat herausgefunden, dass….“, oder „die Studie einer unabhängigen Forschungsgruppe ergab, dass…“ sind schwer zu widerlegen. Dazu noch Zahlen und Statistiken, die der Normalsterbliche nicht überprüfen kann, und schon haben wir Wahrheit – oder?

Sehr glaubwürdig waren früher ebenfalls Nachrichtenagenturen und Zeitungen mit ihren unabhängigen Berichterstattern und neutralen, fälschungssicheren Bildbeweisen, die uns für lange Zeit bewiesen, wer Gut und wer Böse war. Die Welt in Schwarz und Weiß.

Zweifel an den uns präsentierten Ereignissen, die sich bis heute halten, gab es beispielsweise hinsichtlich der Mondlandung im Jahr 1969. Heute kann man keinem Bild, keinem Film, keinem Tondokument mehr zu hundert Prozent vertrauen, da die Technologien so weit fortgeschritten sind, dass die Fälschung nur mehr mit großem technologischen Aufwand aufgedeckt werden kann, die Täuschung jedoch fast perfekt ist. Spätestens seitdem der Disney-Klassiker „Der König der Löwen“ mit nahezu realen Tieren – man erkennt in der Nahaufnahme von Simba einzelne Fellhaare realistisch im Wind schwingen – voll animiert neu erstellt wurde, scheint der virtuellen Täuschung keine Grenze mehr gesetzt zu sein.

Neben den mich damals sehr zum Nachdenken anregenden Filmen „Running Man“ mit Arnold Schwarzenegger und später „The Net“ mit Sandra Bullock, in denen beide Protagonisten gegen verdrehte Wahrheiten kämpfen mussten, beeindruckte mich, wie auch reale Konflikte sehr unterschiedlich dargestellt werden konnten. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Aufenthalt in einem arabischen Land. Bei einem Restaurantbesuch lief in einer Ecke ein Fernseher. Ich konnte kein Wort verstehen und auch die Untertitel waren für mich unverständlich. Die Bilder zeigten jedoch unverkennbar den Konflikt zwischen Israel und Palästina. Allerdings war es doch nicht der gleiche Konflikt, den ich aus „unserem Fernsehen“ kannte: hier waren es die Bilder von Al Jazeera und nicht von CNN. Die andere Seite der Medaille, Gut und Böse vertauscht.

Heute bestimmen soziale Netzwerke unsere Realität und erhalten durch „Reposts“ von Menschen aus unserem persönlichen Umfeld, denen wir vertrauen, größte Glaubwürdigkeit. „Empfehlungsmarketing“ für die Wahrheit.

Wahrheit, Meinung und Manipulation verschwimmen. Woher wissen wir, wer der ursprüngliche Verfasser eines „Posts“ ist? Ein realer Mensch, ein Bot, oder war es KI, wie ChatGBT? Und mit welchem Ziel wurde diese Meldung verfasst? Um zu informieren oder um zu manipulieren? Ist eine im Fernseher gemachte Äußerung in einem Interview korrekt, weil sie von diesem Medium ausgestrahlt wurde? Was wissen wir wirklich über das Corona-Virus, über die Sprengung der Nord-Stream-Gaspipelines, über die Zerstörung des Kachowka-Staudamms in der Ukraine, über den Absturz des russischen Söldners Prigoschin, über das durchschnittliche deutsche Rentenniveau nach 45 Beitragsjahren (wer erreicht die übrigens noch?), über unseren CO2-Ausstoss, über den Wirkungsgrad von Wärmepumpen und Wasserstoffmotoren, über das Leistungsniveau deutscher Schulabgänger oder über die aktuelle Leistungsfähigkeit des deutschen Sports?

Es scheint fast so, dass es heute wichtiger ist, einer „Wahrheits-Glaubensgruppe“ anzugehören, als Wahrheit wirklich zu suchen und diese auszusprechen. Wer nicht Teil der Zustimmer, Abnicker, Schulterklopfer und Rückenreiber ist, hat es schwer. „Ungläubige“ wurden schon immer isoliert. Und somit erleben wir wieder eine „schweigende Mehrheit“, die aus Angst vor negativen Konsequenzen wegschaut – trotz besseren Wissens.

Denn Wahrheit kann unbequem und verletzend sein – auch für jeden Einzelnen persönlich, wenn das fürs eigene Leben wichtige Selbstbild nicht der Realität entspricht, wie der Blick in einen Zerrspiegel in der Umkleidekabine eines Modehauses. Und so biegt sich jedes Individuum seine Realität so zurecht, dass es ihm gut geht, denn „ich mach mir die Welt, Widdewidde wie sie mir gefällt.“ Wahrheit und Realität sind somit sehr subjektiv und in einer christlich geprägten Kultur steht der Glauben eben an oberster Stelle um dazu zu gehören.

Ich wünsche mir mehr kritische Stimmen, mehr offenen Diskurs und Austausch, mehr Toleranz hierfür und mehr Interesse daran, Dinge und angebliche Wahrheiten neutral zu hinterfragen, auch wenn dieses schwer ist. Denn Fragen sind der Weg zur Erkenntnis. Guten Morgen.