„Free Solo“

Whistler, August 2020

Eines Abends bestand mein Sohn darauf, dass wir uns gemeinsam einen Film ansahen, den er zwar schon kannte, der ihn aber so beeindruckt hatte, dass ich ihn unbedingt auch sehen musste. Der Film hieß „Free Solo“ und handelte von dem Bergsteiger Alex Honnold, der alleine und ohne Sicherung, nur mit der Kraft seiner Hände und seines Körpers, als Erster eine 975 m hohe Steilwand im Yosemite National Park bestieg. Der Film war wirklich beeindruckend. Jeder falsche Griff, jeder falsche Tritt, jede Unsicherheit hätte seinen Tod bedeutet. Und obwohl ich wusste, dass er es schaffen würde, konnte ich trotzdem kaum zusehen – wie mochte es den ihn begleitenden Freunden, dem Kamerateam und der Freundin, die unten im Auto wartete, ergangen sein. Der Film zeigte seine komplette Vorbereitung – auch, wie oft er die Wand schon mit Seil und Sicherung geklettert und abgestürzt war. Aber er zeigte auch sein Leben und die Zufriedenheit, die innere Ruhe und Erfüllung, die er gefunden hat, indem er SEINS gefunden hatte – „es mache ihn vollständig“.

Die gleiche Zufriedenheit sah ich in den Augen von Danny Macaskill, einem schottischen Straßen Trial Fahrer, der vor allem durch seine Filme mit spektakulären Sprüngen und Balanceakten auf, über und runter von natürlichen Hindernissen berühmt wurde. In einer Reportage erzählte seine Mutter, dass es für ihn als Kind nichts anderes gab, als Fahrrad zu fahren und dass es ihn einfach glücklich und zufrieden machte, immer etwas Neues auszuprobieren – zu scheitern, wieder aufzustehen, es erneut zu versuchen, bis es klappte.

Ähnlich viel Freude strahlten Brett Young und Eddy Chen aus. Die beiden Geiger waren seit 2013 als TwoSetViolin als Musiker und Comedians aktiv und hatten inzwischen über 2,5 Mio. „Follower“ auf ihrem YouTube-Kanal. Im Fach Psychologie hatte mein Sohn hierfür den Begriff „Self-Actuali-zation“ gelernt: „Selbstverwirklichung“. Es war für mich fast schon schmerzhaft, dieses Glück, diese Zufriedenheit bei diesen beiden Sportlern und den Musikern zu sehen. Ich konnte nur hoffen, dass meine Kinder später auch etwas fanden, was sie „vollständig“ machte, sie so weit erfüllte, dass sie darin aufgingen und alles Glück der Welt ausstrahlten. Bei meinem Sohn war es hier aktuell das Fahrrad fahren und bei meiner Tochter die Musik und ihre Kreativität beim Zeichnen.

Leider gab es kein Rezept dafür, was man als Eltern hierfür tun konnte; wie man seine Kinder am besten unterstützte. Ich vermutete aber, dass es einige Dinge gab, die für die kindliche Entwicklung wichtig waren: Liebe, Aufmerksamkeit, Teilhabe an ihrem Leben, Respekt, sie Ernst nehmen, Zuhören, Unterstützung, Loslassen, Vertrauen. Insbesondere die letzten beiden Punkte waren für uns Eltern wohl sehr schwer, aber sie waren auch besonders wichtig. Erwachsene hatten aufgrund ihrer eigenen Erfahrung automatisch mehr Angst davor, Grenzen auszutesten, diese weiter nach außen zu verschieben oder neue Erfahrungen zu machen – besonders, wenn damit Gefahren verbunden waren. Kinder hatten hier ein völlig eigenes Gefahren- und Risikobewusstsein. Wir Eltern durften unsere Kinder nicht unsere eigenen Ängste adaptieren lassen – sie mussten ihre eigenen Grenzen erfahren, ihre eigenen Ängste und Warnmechanismen entwickeln und justieren. Unsere erwachsenen Ängste waren unsere erwachsenen Grenzen – und sollten dies auch bleiben. Natürlich wollte kein Elternteil, dass dem eigenen Kind körperlich etwas geschah. Die Vermeidung der eigenen Grenzerfahrungen, weil die Angst der Eltern Kinder hiervon abhielt, führte langfristig allerdings zu größeren emotionalen und psychischen Schäden. Wie schlimm musste es sein, Dinge, die man gerne ausprobieren würde, nicht tat, weil das eigene Leben von „elterlich adaptierter“ Angst geleitet wurde. Und wie erfüllend, im Gegenzug dazu, die Freude, etwas Neues geschafft zu haben, etwas, aus dem eigenen Herzen heraus. Nicht Risikoblind! Aber: wer es nicht versuchte, war schon gescheitert. Und so versuchte auch ich hier mit Moritz‘ Hilfe ein paar neue Erfahrungen zu machen – gegen meine Ängste, für mehr Freude. Guten Morgen.

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