Alles wahr

Whistler, August 2020

In Krisen- oder Kriegszeiten war das erste Opfer immer die Wahrheit. Jede Meldung, jedes Ereignis, welches man nicht selbst mit erlebt hatte, musste man so hinnehmen und glauben – oder nicht. Somit war klar, dass wir in der sogenannten Informationsgesellschaft mit Meldungen konfrontiert wurden, deren Wahrheitsgehalt, oder insbesondere deren Sinnhaftigkeit, anzuzweifeln waren.

Ich verfolgte hier in Kanada hauptsächlich den „Newsticker“ und den „Liveblog“ (tolle neue Wortschöpfungen überall) der „tagesschau“, immerhin das seriöseste und angesehenste Informationsmedium in Deutschland. Leider bekam ich allerdings immer häufiger den Eindruck, dass hier einfach nur blind Meldungen veröffentlicht wurden, OHNE sie auf ihre Sinnhaftigkeit hin zu überprüfen. Kein Wunder also, dass es für Menschen immer schwieriger wurde, in dieser schlichten, ungefilterten Informationsflut ein eigenes verlässliches Situationsbild zu entwickeln. Wie schwierig musste es erst für unsere Kinder sein.

Folgende Meldungen fand ich innerhalb weniger Tage und hatte bei der Lektüre immer häufiger das Gefühl, irgend etwas nicht zu verstehen.

So war aus meiner Sicht die Meldung, dass „13% mehr Selbstbräuner im ersten Halbjahr verkauft“ wurden per se schon völlig uninteressant. Mir erschloss sich der Informa-tionsgehalt einfach nicht. Was sollte ich hiermit anfangen? Diese Zahl war höchstens für einen Marketingverantwortlichen der pharmazeutischen Kosmetikindustrie von Interesse. Diese Meldung dann allerdings auch noch im Liveblog zur Coronavirus-Pandemie zu „posten“ (wieder ein schönes neues Wort), erzeugte bei mir nur Kopfschütteln.

Ebenso schön, war am gleichen Tag die Meldung, dass der FDP-Chef Lindner „Ladenöffnungen am Sonntag“ forderte, um die Konjunktur anzukurbeln. Dies sollte bitte in Kombination mit eingeschränkter Berichterstattung über das Coronavirus erfolgen, um „Leuten keine Angst zu machen“, da sie dann weniger konsumieren würden! Soweit ich mich erinnern konnte, konnte man die Beispielsumme von 100 € nur einmal ausgeben – wenn das Geld weg war, war es weg. Daran würde auch ein zusätzlicher offener Tag nichts ändern. Es würde einzig und allein dazu führen, dass mehr Menschen in unteren Lohngruppen nun auch an Sonntagen zu arbeiten hätten und weniger Zeit mit ihren Familien verbringen könnten. Und diejenigen, die genug zum „Verkonsumieren“ hatten, würden die Zeit mit Einkaufen und Bummeln verbringen, anstatt mit ihren Kindern zu spielen, oder an deren Leben teilzuhaben. Ich glaubte auch nicht, dass ein „Imagewechsel“ von Corona die Lösung darstellte – Politiker und ihre PR-Berater eben.

Ebenso wenig hilfreich zur Bekämpfung der Schwierigkeiten, die das neue Virus für unser tägliches Leben brachte, war für mich die Meldung, dass die Ansteckungsgefahr in einem Büro größer sei, als in einem Kino. So hatte der Hauptverband Deutscher Filmtheater HDF Kino bei der TU Berlin eine Studie in Auftrag gegeben, die zum Ergebnis kam, dass die Aerosol-Belastung in einem Büro, in dem gesprochen wurde, höher war, als in einem Kino, in dem nur geatmet wurde. Daraus abgeleitet ergab sich dann die Forderung, die aktuell geltende Abstandsregelung von 1,50 m in Kinosälen zu reduzieren. Ein Schelm wer böses dabei dachte. Mich hätte jetzt allerdings noch die Aerosol-Belastung in Büros interessiert, wenn hier nur geatmet wurde. Wie so oft wurden hier Äpfel mit Birnen verglichen und mit einem angeblichen wissenschaftlichen Anstrich im Rahmen einer Studie einer angesehenen Lehr- und Forschungseinrichtung zum eigenen wirtschaftlichen Interesse verkauft. Besonders schön in diesem Zusammenhang war, dass einen Tag vorher das Ergebnis der Untersuchungen des Infektionsherdes im Schlachtbetrieb Tönnies veröffentlicht worden war: die Übertragung erfolgte hier über einen Umkreis von mehr als acht Metern hinweg. Der obigen Logik folgend, müsste also eigentlich in den Kinosälen der Abstand sogar vergrößert werden. Aber ich war eben kein angesehener Wissenschaftler und erhielt eben auch kein Geld für solche wissenschaftlichen Studien. Guten Morgen.

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