Der ganz normale Wahnsinn

Whistler, August 2020

Über zwei Wochen diskutierten die Politiker in Deutschland nun darüber, ob Reiserückkehrer sich auf das Coronavirus testen lassen müssten oder nicht und in diesem Zusammenhang natürlich, wer die Kosten dafür zu tragen hatte. Gleichzeitig stiegen die Zahlen der täglichen Neuinfektionen in Deutschland wieder bedenklich an. Immer häufiger wurden Infektionsherde nach Familienfeiern gemeldet. In Berlin gingen 20.000 Menschen, teilweise durch rechte Gruppen und von Verschwörungstheoretikern mobilisiert, auf die Straße um gegen die Corona-Politik der Bundesregierung zu protestieren. Die Strände an der Ostsee waren so überlaufen, dass es schon auf dem Weg dorthin auf der A1 Staus von über 12 km Länge gab. Und der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier forderte härtere Strafen für Vergehen gegen die Corona-Auflagen.

Alles zusammengenommen, hieß für mich: a) der „normale“ Deutsche war dumm, ignorant und nachlässig, b) rechte Gruppierungen nutzten das Virus aus um zu versuchen unser demokratisches System zu destabilisieren, c) unsere Politiker lieferten beiden Gruppen annähernd täglich genug Anlass um gegen ihre Vorgaben zu handeln – entweder durch Ignoranz oder eben durch Protest. Es war erschreckend, wie ohnmächtig und offensichtlich überfordert die ansonsten international so angesehene deutsche Verwaltung war. Entscheidungsprozesse dauerten zu lange, Diskussionen wurden über falsche Themen geführt, bestehende Auflagen inklusive möglicher Konsequenzen von den Behörden nicht durchgesetzt. Die Krise zeigte erneut ungeschminkt den Charakter von Menschen und alle Schwächen des gesellschaftlichen Systems auf.

Es erschien mir fast so, als ob alle nur noch darauf aus waren, nach außen hin den Schein von Effizienz und erfolgreichem Management zu wahren. Dazu fiel mir nur „Außen hui – Innen pfui!“ ein. Überbezahlte Systemkonformisten in maßgeschneiderten Anzügen. Weiterhin keine klaren Worte, keine Reformen, Anpassungen an die neue Situation. Kein proaktives Agieren, nur Reagieren – und das auch nur, wenn es offensichtlich gar nicht mehr anders ging. Steilvorlagen für Verschwörungstheoretiker, Systemkritiker und rechte Randgruppen.

Das Virus würde aber nicht einfach so weggehen oder verschwinden. Es hatte bislang keine „Saison“ wie das Influenza-Virus und ein Erfolg versprechender Impfstoff stand nach seriösen Quellen frühestens Ende des Jahres zur Verfügung – und selbst dann würde es noch länger dauern, bis die Impfungen im notwendigen Umfang durchgeführt sein würden. Das bestehende System bäumte sich allerdings bislang weiterhin erfolgreich mit einfachen, oftmals aber falschen Informationen und ineffektiven Maßnahmen gegen die notwendige Veränderung. Weiterhin Festhalten am Status Quo, Abwarten und Hoffen. Hoffentlich ging das gut. Guten Morgen.

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