Alles (Ein)Bildung?

Whistler, August 2020

Die nächste Meldung erzeugte wiederum nur Kopfschütteln: Kinder lernten während des Lockdown nur halb so lange! Per se war dies aus meiner Sicht weder verwunderlich, noch negativ. Erst die komplette Meldung sorgte dann doch für Erstaunen: wie aus einer Umfrage des ifo-Instituts hervorging, beschäftigten sich Kinder statt 7,4 Stunden nur mehr 3,6 Stunden am Tag mit der Schule.

Wo blieb hier der Aufschrei der Pädagogen? 7,4 Stunden täglich bedeuteten 37 Stunden pro Woche! Der Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie sah in Westdeutschland eine Wochenarbeitszeit von 35 Stunden vor – in den neuen Bundesländern von 38 Stunden. Kinder waren somit durch Schule stärker belastet und brachten mehr Leistung als mancher Erwachsene!

Wie konnte das sein? Wo blieb hier die Zeit zur Selbstentwicklung? Wo die Zeit zur Verarbeitung aller externer Reize und der Anpassungsvorgänge im Gehirn oder auch im Körper aufgrund hormoneller Veränderungen? Wo blieb hier Zeit für Freizeit mit Freunden, wo die Zeit für den körperlichen Ausgleich beim Sport, wo die Zeit für die Entwicklung eigener Interessen oder die Zeit für ehrenamtliches Engagement in Vereinen oder sonstigen sozialen Einrichtungen und Aktivitäten, die nicht von der Schule abgedeckt wurden, die für das Funktionieren unserer Gesellschaft aber essentiell waren? Was sollte mit dieser Meldung erreicht werden? Sollte hier noch mehr Druck auf unseren Nachwuchs ausgeübt werden, anstatt ihn zu entlasten? Es gab genug Studien, dass insbesondere nach der Umstellung auf G8 (also nur mehr 8 Jahre Gymnasium bis zum Abitur) der Druck auf unsere Kinder zu groß wurde und dieses Projekt Gott sei Dank wieder eingestellt wurde.

Gleichzeitig stellte diese Studie nun fest, dass die Beschäftigung mit Fernsehen, Computerspielen und Handynutzung von vier auf 5,2 Stunden täglich gestiegen sei – vordergründig war dies also offensichtlich eine schlechte Entwicklung, der scheinbar entgegen zu steuern war. Wenn ich nun allerdings ein wenig rechnete, kam ich auf ein anderes Ergebnis: wenn unsere Kinder täglich 3,8 Stunden weniger für die Schule aufwendeten aber nur 1,2 Stunden mehr für digitale Medien, ergab sich eine Differenz von 2,6 Stunden, die Kinder aus meiner Sicht vermutlich für Treffen mit Freunden, Zeit mit ihrer Familie, zum Lesen, in der Natur, beim Sport oder anderen Hobbys aktiv verbrachten. Für mich eher eine positive Entwicklung. Weiter so!

Leider vermutlich allerdings nur Wunschdenken. So wurden zwar Lehrer vor Streß mit reduzierten Unterrichtszeiten geschützt – unsere Kinder vor dem unnötigen Schulstreß allerdings nicht. Ein Gymnasiallehrer unterrichtete im Schnitt 26 Unterrichtsstunden pro Woche – der Rest der wöchentlichen Arbeitszeit von kalkulatorischen 42 Stunden ergab sich aus Vor- und Nachbereitung inklusive Korrektur und Teilnahme an Konferenzen.

Warum hatten unsere Kinder dann allerdings bis zu 36 Unterrichtsstunden pro Woche – obwohl sie auch Vor- und Nachbereitungszeiten hatten? Ich würde mich freuen, wenn wir das Vertrauen hätten, Kindern mehr Freiheiten für ihre eigene Entwicklung zu geben, anstatt weiterhin wie mit einem „Nürnberger Trichter“ pures „Wissen“ in sie reinstopfen zu wollen – der hierfür verwendete Terminus technicus lautete „Bulimielernen“, in dem nur kurzfristig auf den Punkt auswendig gelernt wurde, ohne die Inhalte wirklich verstanden zu haben, geschweige denn sie sinnvoll anwenden oder mit anderen Wissens- und Erfahrungsbereichen verknüpfen zu können. Dafür brauchte es Zeit!

Gebt den Kindern ihre Zeit und gebt ihnen wieder eine glückliche Kindheit. Das hilft auch unserer Gesellschaft langfristig mehr, als die weitere Produktion gestresster Bildungsbürger. Bitte! Guten Morgen!

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