Ineffizienz und Wirtschaftswachstum

Whistler, Sommer 2020

Der erste Eindruck, den ich von Kanada bekommen hatte war, dass die Menschen hier sehr effizient mit ihren Ressourcen umgingen – einzige Ausnahme: Strom und Wasser. Ansonsten sah ich überall einfache, effiziente und vor allem kostengünstige Lösungen, die das Leben einfach und angenehm machten. Auch hatte ich den Eindruck, dass hier die Eigenverantwortung der Bevölkerung insgesamt höher war, als in Deutschland und man sich weniger auf Rechtspositionen zurück zog oder sich auf die Verwaltung verließ. Damit einher ging dann auch eine entsprechende Rücksicht, oder Toleranz, den Anderen gegenüber – Ausnahme hier natürlich auch die ständige, real existierende Diskriminierung aufgrund von Rasse und Herkunft, insbesondere gegenüber der indigenen Bevölkerung, der „First Nations“.

Im Gespräch mit einem Vater von Moritz Mitschülerinnen, einem Unternehmer, erfuhr ich, dass es in Kanada zwar viel erfolgreiche Forschung und Entwicklung gäbe, allerdings nicht genug Kapital um diese erfolgreich auf den Weltmarkt zu positionieren. Hier würden dann zumeist Unternehmen aus den USA die jungen, innovativen Firmen aufkaufen und sich das Know-How zu Eigen machen. Ein interessanter Aspekt – vor allem vor dem Hintergrund, dass mir auch auf Anhieb keine kanadischen Weltunternehmen einfielen. Unter den zehn größten kanadischen börsennotierten Unternehmen gab es dann auch nur eines, welches nicht aus dem Finanzsektor – Banken, Versicherungen, Finanzdienstleister – kam. Allerdings produzierte auch dieses Unternehmen nichts, sondern betrieb das weltweit größte Pipelinenetz in Kanada und den USA. Das erste „Technologieunternehmen“ stand auf Platz 30 – ein IT-Dienstleister mit einem Börsenwert von rund 14 Mrd. USD. Das erste Pharmaunternehmen stand auf Platz 39 mit einem Marktwert von 3,3 Mrd. USD, gefolgt von Bombardier, mit einem Umsatz von 16 Mrd. USD und einem Marktwert von 3,6 Mrd. USD.

Interessant in diesem Zusammenhang war auch die Tatsache, dass das durchschnittliche Vermögen pro Person in Kanada fast 300.000 USD betrug und Kanada damit weltweit auf Platz 9 lag – und das bei einer scheinbar gerechten Verteilung, wie der Quotient von Median und Durchschnitt zeigte. Deutschland lag im Gegensatz dazu mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Vermögen von rund 210.000 USD nur auf Platz 21 – bei einer enorm ungleicheren Verteilung (annähernd ähnlich wie in den USA). Ein weiterer Wert: die 10 reichsten Kanadier verfügten 2020 über ein Vermögen von rund 81 Mrd. USD, die 10 reichsten Deutschen mit 165 Mrd. USD über mehr als doppelt so viel – und in den USA hatten die reichsten 10 „Männer“ ein Gesamtvermögen von über 540 Mrd. USD.

Aus den Gesprächen, die ich hier mit Kanadiern hatte, entstand der grundsätzliche Eindruck, dass die Motivation Reichtümer anzuhäufen insgesamt gering war. Der Durchschnitts-Kanadier erschien mir hier zufrieden zu sein, mit dem, was er hatte. Auch hier zählte eher, dass jeder seines „Glückes Schmied“ war und selbst entscheiden konnte, welche Priorität er für sein Leben wählte. Sollte Kanada insgesamt jedoch trotzdem mal vorhaben, mehr Wirtschaftswachstum zu generieren, hatte ich, mit einem Schmunzeln, einige Vorschläge, wie dies nach deutschem Vorbild einfach und schnell erzielt werden könnte. Das Zauberwort für mich war in diesem Zusammenhang: mehr Ineffizienz! Dahinter verbarg sich ein einfaches Prinzip unserer Kreislaufwirtschaft: Kosten auf der einen Seite, waren Einnahmen auf der anderen. Somit führte eine Erhöhung von Kosten auch gleichzeitig zu einer Erhöhung von Einkommen, was wiederum eine Steigerung des Bruttosozialproduktes bedeutete. Weder Gesamtwohlstand noch Vermögensverteilung würden dadurch voraussichtlich verbessert, aber das Gedankenexperiment erfreute sich bei den kanadischen Gesprächspartnern großer Beliebtheit. Im Folgenden nun also einige einfache Anregungen (die natürlich bitte NICHT ernst genommen werden sollen):

Als erstes wären Straßen rechts und links durchgängig mit Bordsteinen abzuschließen und überall seitlich Leitplanken oder Leitpfosten zu installieren. In den Kommunen müssten flächendeckend Bürgersteige gebaut und die Straßen-beleuchtung ausgeweitet werden. Im Verkehr sollte man dann noch viel mehr Schilder aufstellen – aber natürlich fest installiert und verankert. Das Streichen der freien Rechts-abbieger führte zu weiteren Investitionen in die Erweiterung von Ampelanlagen und deren Neuprogrammierung. Der Staat als Nachfrager – klassische Nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik nach Keynes, wie sie in Deutschland in den 60er Jahren erfolgreich umgesetzt wurde.

Und wenn man schon beim Straßenverkehr war, sollte man auch die Geschwindigkeitsbeschränkungen auf den Highways aufheben. Dies erhöhte den Benzinverbrauch, als auch den Verschleiß von mechanischen Teilen an den Autos, was wiederum zu höheren Reparatur- und Wartungsausgaben bei Verkehrswegen und Fahrzeugen führte. Vermutlich erhöhte sich dadurch auch die Unfallzahl, was zwar einerseits bei Personenschäden bedauerlich war, allerdings einen hohen positiven Kosteneffekt hatte.

Gleichzeitig würde durch die Geschwindigkeitserhöhung die Laufzeit der Fahrzeuge verkürzt. Sollte dies nicht ausreichen, könnten neue Umweltauflagen, Abwrack- oder Kaufprämien für verstärkte Neuinvestitionen in den Fuhrpark führen. Es fuhren aktuell einfach zu viele funktionstüchtige 20 Jahre alte Autos auf Kanada‘s Straßen. Zur Verjüngung des kanadischen Fuhrparks wäre auch die in Deutschland oftmals von den Vertragshändlern durchgeführte Marktbereinigung denkbar: gebrauchte Fahrzeuge würden hier einfach nicht im Markt belassen, sondern en gros ins entfernte Ausland verkauft.

Einen geringeren, aber trotzdem beachtlichen Effekt, dürfte die Einführung und strikte Überwachung von Regeln zur Verkehrssicherheit von Fahrrädern darstellen. Sets aus Beleuchtung, Reflektoren vorne, hinten, zur Seite und an Pedalen sowie Signalgeräte (Fahrradklingel) verpflichtend auf Straßen und Fahrradwegen sollten ein Millionengeschäft darstellen.

Und über allem sollte eine umfassende Verwaltung stehen, die alle Bereiche des öffentlichen Lebens mit Vorgaben erfasste und deren Einhaltung stetig und umfassend überprüfte. Hierbei waren persönliches Vorsprechen und gedruckte Formulare dem einfachen digitalen Weg vorzuziehen. Je komplizierter und umfassender die Nachweispflicht war, desto höher war der Ressourcenbedarf – Material- und Humanressourcen – also mehr Kosten, mehr Gewinn.

Schulen sollten diversifiziert werden, anstatt eine Highschool für alle anzubieten, was den Verwaltungsanteil signifikant erhöhen würde. Gewerbetreibende, Unternehmer und Handwerker müssten eine Zwangsmitgliedschaft in einer entsprechenden Kammer haben. Damit verbunden ein entsprechendes Befähigungssystem, weil dies auf keinem Fall dem Markt überlassen werden durfte. Die hierfür notwendigen Qualifizierungs- und Zertifizierungsverfahren schafften weiteren positiven Aufwand und Kosten. Gleiches galt für den Gesundheitsbereich, in dem die staatliche Krankenkasse zugunsten eines diversifizierten Systems aufgelöst würde. Durch diese Maßnahme könnten die Verwaltungskosten weiter erhöht werden und ermöglichten den Aufbau einer Kassenärztlichen Vereinigung, die als Vermittler zwischen Ärzten und Kassen stünden und die Abrechnungen sicherstellten. Die direkte Abrechnung mit Patienten und einer einzelnen Krankenkasse war vehement als zu einfach abzulehnen. Und anstatt EINES Senders, CBC, sollten mehrere regionale Rundfunkanstalten und Lotteriegesellschaften gegründet werden.

Neue Arbeitsplätze könnten auch bei der Post entstehen, wenn diese einzeln, direkt an jedes Haus, ausgeliefert würde. In diesem Zusammenhang sollten auch Werbeangebote und Direktmarketing intensiviert werden, was wiederum positive Effekte für die Papier- und Druckindustrie brächte.

Und auch beim Bauen könnten zusätzliche positive Kosteneffekte eingeflochten werden. Am einfachsten wäre hier das verstärkte Bauen mit Stein, die Verwendung komplizierterer Türbeschläge und Schlösser oder der Einsatz von Fensterbeschlägen mit Dreh-Kipp-Mechanismus. Auch könnten durch zusätzlich notwendige Abnahmen, z.B. für Statik oder Feuerstätten, positive Effekte erzielt werden. Und Stromleitungen könnten flächendeckend unterirdisch verlegt werden. In diesem Zusammenhang würden auch eigene Strom- und Wasserzähler für jede Wohneinheit ein geeignetes Investitionsprogramm darstellen. Die damit verbundenen höheren Verwaltungs- und Abrechnungskosten rundeten die Idee ab.

Es wäre sicherlich möglich hier noch viele weitere Anregungen zu geben – das Grundprinzip sollte deutlich geworden sein: mehr Kosten, mehr Vorschriften, mehr Verwaltung, mehr Überprüfung, weniger Eigenverantwortung, weniger Vertrauen, mehr Wachstum.

Grundsätzlich stellte sich allerdings für mich die Frage, ob nicht gerade diese kanadische Struktur mit relativ hoher Gleichverteilung von Vermögen und Wohlstand in Verbindung mit wenigen großen, kapitalbindenden, produzierenden Unternehmen und in „regionalen Mikroökonomien“ eigenverantwortlich handelnden Unternehmern dafür verantwortlich war, dass Kanada die Corona-Krise wirtschaftlich scheinbar relativ unbeschadet überstanden hatte – und dass Kanadier offensichtlich zufriedener waren als Deutsche?

Guten Morgen!

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