Sonnenhimmel über Whistler

Whistler, August 2020

Nachdem ich es leid war, die täglichen Meldungen, ohne wirklichen neuem Informationsgehalt, weiterhin zu reflektieren, verlagerte ich meine nächtliche Aufmerksamkeit auf etwas Erhellenderes: den Sternenhimmel über Whistler. Wie ich schon mal anmerkte, zeichnete sich Whistler unter anderem durch sehr geringe Lichtverschmutzung aus – die Stadt, die Straßen und die Wohngebiete waren nachts einfach nicht beleuchtet. Es war im wahrsten Sinne des Wortes stockduster. Wenn der Himmel dann auch noch wolkenlos war und der Mond – der größte Lichtverschmutzer hier vor Ort – noch nicht am Himmel stand, hatte man einen unglaublichen Blick auf die Sterne. Als Moritz eines Nachts mal wieder spät von einem Spaziergang zurück kam, fragte er mich, was ich denn draußen täte, worauf ich ihm antwortete, ich beobachte den „Sonnenhimmel“ – was ja eigentlich auch stimmte, denn alle Sterne waren ja „Sonnen“.

Es war teilweise auch Nachts noch so warm, dass ich mich ohne Probleme im T-Shirt draußen aufhalten konnte und so saß ich entweder in einem der Terrassensessel oder lag direkt auf der Terrasse und sah nach oben in den Himmel. Es war lange her, dass ich solch einen klaren Himmel gesehen hatte. In manchen Nächten war sogar die Milchstraße zu sehen, was in mir Kindheitserinnerungen an die Abende auf dem Campingplatz meiner Großeltern in Eschwege weckte. Wir Kinder saßen dort oft Nachts draußen und erzählten uns Geschichten oder spielten „Drakula-Fangen“ – also Verstecken und Fangen im Dunkeln – und über uns klar und deutlich die Milchstraße. Welch schöne Erinnerung.

Es war für mich immer wieder faszinierend, mir vorzustellen, dass die Sterne dort oben Milliarden weiterer Sonnen waren – eigene Sonnensysteme mit dutzenden Planeten, die im Dunkeln allerdings verborgen waren. Und wer wußte, wieviele dieser Sonnen überhaupt noch schienen – eventuell waren sie ja schon erloschen und nur das Licht war noch auf dem Weg zu uns. Und auch die Milchstraße stellte hier wohl nur EINE von vielen Galaxien oder Sternensystemen dar. Und über uns drüber nur eine hauchdünne Schicht Sauerstoff, die uns vor dem „kalten Nichts“ dort draußen schützte und unser Überleben sicherte. In diesen Momenten fühlte ich mich sehr klein und unbedeutend – oder war es einfach nur Demut? Es relativierte auf jeden Fall die Sicht auf die Bedeutung des eigenen Lebens.

Wie gerne würde ich jetzt die einzelnen Sternenbilder erkennen und benennen können – allerdings fand ich hier leider nicht mal den „Großen Wagen“, so sehr ich mir auch den Kopf nach ihm verrenkte. Es gab trotzdem genug für mich zu sehen. So sah ich, je länger ich den Himmel beobachtete, viele kleine leuchtende Punkte, die über ihn hinweg flogen. Da es aktuell so gut wie keinen Flugverkehr gab und diese Punkte auch nicht blinkten, mussten es Satelliten sein. Erstaunlich, mit welch hoher Geschwindigkeit sie um unsere Erde kreisten. Und wie viele es waren – in allen Richtungen. Eines Nachts sah ich einen besonders hellen Punkt über den Himmel wandern: es war die Internationale Raumstation ISS, die man hier in regelmäßigen Abständen für 2-4 Minuten beobachten konnte.

Und in den warmen Augustnächten kamen noch etliche Sternschnuppen hinzu, die kurz hell aufleuchtend einen Lichtstreifen am Himmel hinterließen, ehe sie in unserer Atmosphäre vollends verglühten. Die „Perseiden“, ein Meteorstrom, hatten jedes Jahr um den 12. August herum ihren Höhepunkt. Wenn es stimmte, dass man bei jeder Sternschnuppe einen Wunsch frei hatte, der in Erfüllung ging, würde das kommende Jahr ein sehr glückliches Jahr für uns alle werden. Vermutlich war allerdings auch dies eher nur eine weitere Erinnerung an unbeschwerte Kindheitsmomente unter dem Himmelszelt eines Campingplatzes in Eschwege. Und mit dem Abendlied von Matthias Claudius im Kopf wünschte ich mir Gute Nacht!

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