Auf den Hund gekommen

Kassel, Februar 2022

Wie ich schon einmal erwähnte, war ich seit meiner Kindheit ein Katzenmensch. Hunde kannte ich zumeist nur aus der Ferne oder durch ihre Hinterlassenschaften auf den Gehwegen und am Rande der Laufwege im Wald. Und diese Hinterlassenschaften wurden nun seit einigen Jahren auch noch hervorragend durch kleine Plastiktüten vor den Einflüssen der Umwelt geschützt.

Man musste mit Hunden „arbeiten“, sie beschäftigen, erziehen. Und man musste mit ihnen raus „Gassi“ gehen, egal bei welchem Wetter, immer zur gleichen Zeit. Auch im Urlaub begleiteten sie einen, so dass man seine Planungen hier anzupassen hatte. Und last: Hunde rochen nach Hund und haarten.

Kurz und gut: Hunde waren eine Belastung! Ähnlich aufmerksamkeitsintensiv wie ein Kind, jedoch im Gegensatz dazu ohne Hoffnung auf Entwicklung zur Selbstständigkeit. Sie waren sozusagen Dauerkind.

Nun begab es sich jedoch, dass die Mutter einer Freundin in ein Pflegeheim umziehen musste. Dorthin konnte sie ihren Hund nicht mitnehmen. Und da dieser ursprünglich aus Rumänien kam, eine schlechte Vergangenheit hatte, schon mehrfach im Tierheim gelandet und folglich ängstlich war, wurde für diesen Hund händeringend eine Pflegefamilie gesucht um ihm die Rückkehr ins Tierheim zu ersparen. Der Hund war zwischenzeitlich mit seinen fast 10 Jahren ja auch schon ein Senior und er hatte für seine letzten Jahre Besseres verdient.

Diese Pflegefamilie sprang allerdings nicht aus dem Hut, so dass wir uns bereit erklärten, den Hund übergangsweise bei uns aufzunehmen. Trotz der drei Katzen, trotz keiner Erfahrung mit Hunden, trotz schon ausreichender Belastungen, Aufgaben und Verantwortungen. Weil es eben das Richtige war, zu Helfen: der Freundin, die mit dem Umzug der Mutter schon sehr belastet war; dem Hund, der erneut seine Heimat verlor. Ganz im christlichen Sinne.

So zog also eines Samstags Sammy bei uns ein. Keine „Fußhupe“, keine „vierbeinige Kackmaschine“, ein echter Hund, dessen Schulterhöhe über meinem Knie lag und der mich verängstigt auf seinem Kissen liegend von unten her ansah. Außer seinem Kissen hatte er nur ein Geschirr mit Leine, zwei Futternäpfe, zwei Tüten Trockenfutter und einige Hundesnacks. Und was sich im ersten Schritt als sehr wenig anhört, relativierte sich schnell: er brauchte auch nicht mehr. Sammy war ein sehr vorsichtiger, rücksichtsvoller und stiller Hund. Ohne eigene Ansprüche. Selbst auf die Katzen reagierte er mit stoischer Ruhe – auf ihr Futter allerdings mit großem Appetit.

In den ersten Tagen sahen wir zu, Hund und Katzen streng zu trennen um hier keine Vorfälle zu provozieren. Die Katzen blieben im Kinderzimmer, der Hund im Wohnzimmer. Aber auch wenn die Katzen natürlich durch die Katzenklappe jederzeit nach draußen gekonnt hätten, zogen sie sich ängstlich von ihren bis dahin angestammten Plätzen zurück und meine Familie fand dies überhaupt nicht gut.

Auch war es einfach nicht der Hund, den sich meine Familie vorstellen konnte. Weder optisch, noch vom Charakter her. Meine Frau brachte es einmal auf den Punkt: wenn, dann hätte sie zumindest gerne einen Hund, der sie verteidigen würde und sich nicht hinter ihr versteckte. Außerdem war es für meine Tochter ganz schlimm, dass ich mich „mit dem Hund unterhielt“. Zumindest gab Sammy laut, wenn jemand an der Tür klingelte oder jemand ins Haus kam.

Ansonsten kümmerte zumeist ich mich um ihn und ging regelmäßig mit ihm spazieren. Die Spaziergänge wurden nach und nach länger und wir entwickelten eine gemeinsame Routine. Wir erkundeten gemeinsam Wege im Wald und Sammy baute langsam eine Bindung zu mir auf, auch wenn ich ein Mann war, vor denen er ansonsten eher Angst hatte. Es folgten das erste Mal frei, ohne Leine, laufen und die ersten Begegnungen mit anderen Hunden und Hundebesitzern im Wald. Alles neu für uns beide – aber es funktionierte.

Und jeder neue Schritt machte auch mir Freude. Zu sehen, dass Sammy auch mal alleine ab vom Weg lief, auch mal sprintete, über umgefallene Bäume sprang, den Kopf höher trug, mit dem Schwanz wedelte, freudig auf andere Hunde zulief, dies alles machte mich glücklich. Und auch die Freundin, für die wir Sammy bei uns aufgenommen hatten, teilte uns erstaunt mit, dass sie den Hund noch niemals so glücklich gesehen hatte.

Nun hatte Sammy bei uns allerdings weiterhin nur den Status des Pflegehundes, der vorübergehend bleiben sollte. Zwischenzeitlich hatte es auch schon die ersten Begegnungen mit den Katzen gegeben, die für Sammy leider schlecht verliefen. Eigentlich war es nicht möglich, hier alle Tiere unter einem Dach zu vereinen. Eine endgültige Entscheidung zögerte ich bewusst raus und hoffte weiter darauf, dass sich die Tiere verstehen und meine Familie eine ähnliche Beziehung zu Sammy aufbauen würden, wie ich es schon getan hatte.

Denn wie meine Frau schon sehr schnell feststellte: der Hund hatte mich adoptiert. Er war ein treuer Begleiter, sorgte dafür, dass ich mich mehr bewegte und schaffte es durch seine vorsichtig bedächtige Art, mich stets zu beruhigen. Ich schlief sogar besser. Wer half hier nun eigentlich wirklich wem? Die Rollen hatten sich, wenn auch nicht vertauscht, so doch angenähert.

Und so blieb Sammy vorerst mal bei uns. Mit allen Unsicherheiten, was diese Entscheidung mit sich brachte: weil es das Richtige war – für Alle. Vielen Dank an meine Familie, Gute Nacht

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