Wachstum und Wohlstand

Kassel, August 2022

Vor einiger Zeit ging es dem Deutschen wieder richtig gut. Es war warm, die Corona-Auflagen waren ausgelaufen, der Flugverkehr lief wieder an, der CSD wurde in vielen Städten wieder groß gefeiert, Großkonzerte fanden wieder statt, die Sommerferien standen vor der Tür und Mallorca lockte. Doch was den Deutschen am meisten freute war die Meldung, dass die Wirtschaft wieder wuchs!

Allein diese kleine Meldung reichte aus um sämtliche Mahner in unsicheren Zeiten – und die Zeiten waren seit dem Beginn des Krieges in der Ukraine unsicher – zu Pessimisten und Oberbedenkenträgern abzustempeln und verstummen zu lassen. Augen zu und durch, Zahlen logen nicht: es ging weiter aufwärts.

Aber womit? Was wuchs da eigentlich? Und warum? Das Bruttosozialprodukt war die Summe aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Volkswirtschaft binnen eines Jahres erbracht, gehandelt und getauscht wurden. Allein das Ansteigen dieses Wertes sagte folglich wenig aus. Der Anstieg konnte durch die stark gestiegenen Energiepreise in Folge des Ukraine-Krieges induziert worden sein. Immerhin stiegen die Benzinpreise um fast 70 Prozent. Und auch Heizöl und Gas verteuerte sich fast um das Doppelte. Die Strompreise stiegen etwas weniger. Die Energiekosten betrugen somit für viele Haushalte über 50 Prozent der monatlichen Fixkosten.

Der Anstieg der Inflationsrate auf „nur“ 7,5 Prozent konnte in diesem Zusammenhang nur wenig beruhigen, da deren Berechnung schon seit Jahren für viele Menschen nicht mehr nachvollziehbar war.

Wachstum war und ist gemäß dieser Berechnungsgrundlage, auch inflationsbereinigt, kein geeigneter Wohlstandsindikator, denn es bildete weder ab, was da warum wuchs, noch wie dieses Wachstum verteilt war. Je mehr Müll wir produzierten und somit „Ersatzinvestitionen“ generierten, desto mehr Wachstum wurde erzielt. Je mehr Energie und Materie, z.B. durch Abriß und Neubau oder Reparaturen, verbraucht wurde, desto höher das Wachstum. Je mehr Kilometer wir mit dem Auto fuhren, mit dem Flugzeug flogen, je mehr die Umwelt zerstört wurde, je ineffizienter Verwaltungen und Kosten „künstlich produziert“ wurden, desto höher das Wachstum. Je komplexer das System der wirtschaftlichen Arbeitsteilung mit seinem stetigen Anstieg an Transportleistungen wurde, desto höher war das Wirtschaftswachstum. Je produktiver jeder Arbeitnehmer war – also je mehr er in der gleichen Zeit schaffte und somit ständig mehr Streß ausgesetzt war – desto mehr Wachstum.

Es wäre langsam wirklich Zeit, sich von diesem Paradigma zu verabschieden und eine „Indikatorenwolke“ zu entwerfen, die neben dem reinen Erstellen von Waren und Erbringen von Dienstleistungen die Wohlstandsverteilung innerhalb der Gesellschaft, allerdings auch deren Innovations- und Transformationsfähigkeit, Gesundheit, Lebenserwartung, Zufriedenheit und Glück abbildeten. Denn Leben und Wohlstand sind mehr als nur ein paar Zahlen, deren Wert zunimmt. Guten Morgen

%d Bloggern gefällt das: