Mia san Mia

Kassel, Oktober 2022

Mein Vater lebte fast sein gesamtes Leben auf dem Grundstück seiner Eltern in Ottobrunn. Gegenüber lebte ebenfalls auf dem ursprünglichen Grundstück seiner Eltern ein Sandkasten- und Kindheitsfreund meines Vaters. Und heute hatten nun auf diesem Grundstück auch seine Töchter ein Haus und bewohnten dieses mit ihren Familien. Mit mir würden hier nun komplett 2 Familien über 3 Generationen hinweg nebeneinander leben – unsere Kinder wären die 4. Generation. Welch schöne Rückbesinnung auf ursprüngliche Werte.

Nachdem nun mein Vater verstorben war, traf ich mich, so oft es mir möglich war, mit seinem alten Freund und führte mit ihm die Gespräche, die ich gerne noch mit meinem Vater geführt hätte. Der alte Freund meines Vaters war Soziologe und ich fühlte mich bei unseren Gesprächen an ein Buch erinnert: „Also sprach Bellavista“ von Luciano de Crescenzo. Dort sprach der pensionierter Gelehrte Bellavista mit den einfachen Menschen Neapels über das Leben und erklärt ihnen aus historischer, soziologischer und philosophischer Sicht die Zusammenhänge und Veränderungen der Gesellschaft.

Und hier sprach ich einfacher Mensch mit dem gelehrten Freund meines Vaters. Eines unserer Themen war die Veränderung unserer Gesellschaft – insbesondere was für junge Menschen heute bedeutsam war und wonach sich Menschen definierten. Er verwies in diesem Zusammenhang auf das gesellschaftskritische Werk Erich Fromms aus den 70er Jahren: „Haben und Sein“. Hierbei wurden zwei diametral zueinander stehende Positionen des eigenen sinnstiftenden Handelns gegenübergestellt: das kosumorientierte Streben nach Besitz und toten Gütern versus der Suche nach einer Geisteshaltung in der Leben und Liebe bedeutsamer waren, als Waren.

Erstaunlich, wie aktuell 50 Jahre alte Gedanken auch heute noch zutrafen. Schade nur, dass es den meisten Menschen nicht auffiel.

In diesem Zusammenhang erläuterte er uns ein zweites Prinzip, welches für die individuelle Identität wichtig war: die Zugehörigkeit zu Gruppen und die gleichzeitige Abgrenzung von Anderen. Die Begriffe hierzu waren „Ingroup“ versus „Outgroup“ und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe war in früheren Zeiten oftmals sogar überlebenswichtig. Das fing schon im Kleinen mit Familie an und ging dann weiter über „unsere Straße“, „unser Ort“, „unser Bundesland“, „unser Land“, „Europa“…… Dann hört es allerdings auf, denn wenn sich alle zur Gruppe „Mensch“ oder „Welt“ zugehörig fühlten, könnten wir uns nicht mehr voneinander abgrenzen – wir wären identitätslos und vermutlich friedlich. Geeint wären wir wieder nur gegen uns feindlich gesonnene Aliens, wie auch schon in einigen Spielfilmen beeindruckend dargestellt wurde.

Die Bayern machten es sich hier einfach und beschrieben ihre Zugehörigkeit lapidar mit „mia san mia“ und wehrten sich weiterhin stolz gegen die feindlichen Übernahmeversuche preußischer Wiesnbesucher in Designertrachten – auch diese waren allerdings eher ein Indiz für mehr „Haben“ als „Sein“, denn Bayer war man, wohingegen der „Preiß“ eine Tracht zumeist nur hatte.

Also: ohne das „Feindbild“ kein „Eigenbild“. Der Weg zu Küngs Idee des Weltethos, der alle Menschen umfassen würde, war noch weit und die Aktualität dieser Problematik mit dem Hintergrund des Kriegs in der Ukraine so groß wie noch nie in diesem Jahrhundert. Ich hoffte auf noch viele solche Gespräche, da sie mehr zum „Sein“ führten und ich mich einer Gruppe zugehörig fühlen konnte: der kleinen Gruppe zweier Familien, die in 3. Generation Nachbarn waren. Guten Morgen.

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