Mehr positives Denken

Kassel, April 2023

Wenn man seit etlicher Zeit aufmerksam Gesprächen und Berichten folgte, stellte man fest, dass Zustände, Dinge, Abläufe oder Gefühle über die Verneinung beschrieben wurde. „Ich bin doch nicht blöd“, „tu das nicht, oder nicht so“, „das ist gar nicht schlecht“ oder „das ist nicht so gut“ und „sei doch nicht so“. Aber was sollte man denn dann tun? Wie war denn dann etwas? Oder wie war man selbst!

Schon in der Schule wurde der Fokus hauptsächlich auf die Fehler gelegt, die zu vermeiden waren. Im Verkehr begegneten uns meist Verbote und auch schon die Zehn Gebote erzählten uns, was man alles nicht tun oder haben sollte. Wir waren gegen den Krieg und gegen die Umweltzerstörung, ohne zu definieren, für was wir denn dann eigentlich waren. Und nur weil wir nicht blöd waren, hieß das ja nicht, dass wir im Umkehrschluss schlau wären.

Auch im Training von jungen Athleten*innen ertappte ich mich dabei, manchmal darauf hinzuweisen, was NICHT gemacht werden sollte, womit natürlich der gedankliche Fokus noch mehr auf genau diese Fehler gelegt wurde, anstatt ein positives Bild zu generieren, WAS getan werden sollte.

Schon bei der Zielarbeit mit SMART lernte man, dass Ziele positiv zu formulieren waren – konkret, WAS man bis zu welchem Zeitpunkt erreicht hatte und nicht, welcher Zustand dann NICHT mehr sein würde, da man sich mit Zweitem auch der Gefahr aussetzte, etwas völlig Anderes zu erreichen, was noch unerwünschter sein konnte.

Somit unterlag meine eigene Kommunikation mit Athleten*innen seit einigen Jahren der Selbstreflexion und ich startete ein eigenes Projekt, wie Aussagen neu formuliert werden konnten: worauf sollten sie achten, worauf sich konzentrieren, was sollten sie beachten, was war positiv….., was oftmals schwierig, allerdings zumeist auch lustig war.

Ein in der Leichtathletik oft gehörter Satz war, “wirf nicht wie ein Mädchen….” – unabhängig davon, dass es Mädchen gegenüber abwertend war und ich schon ganz tolle Werferinnen trainieren durfte: wie warf denn ein Mädchen und was sollte eigentlich mit dieser Aussage den Athleten*innen mitgeteilt werden? Dass sie auf ihren Körper vertrauen und ihre ganze Kraft in einen Wurf/Stoß legen sollten – ihre ganze Kraft, meinetwegen auch Wut und Zorn, auf das Gerät zu übertragen, um es möglichst weit von sich weg zu schleudern (oder zu stoßen). Dann sollte das aber auch so mitgeteilt werden. Also: „hau das Ding raus!“

Wenn Athleten*innen beim Werfen mal wieder die Bodenhaftung verloren hatten und somit alle Energie, die von unten nach oben durch den Körper hindurch auf das Gerät übertragen werden sollte, verpuffte, und sie dastanden wie eine Ballerina oder Kate Winslet am Bug der Titanic, musste ich ebenfalls eine neue Metapher finden, um auszudrücken, was sie tun sollten, anstatt wieder genau auf diesen Fehler hinzuweisen. In diesem Fall fiel mir der Hulk ein, der stabil und stark auf dem Boden stand, zornig Dinge durch die Gegend schmiß und annähernd allen Generationen bekannt war. Also: „mach mir den Hulk!“

Auf der Athleten*innen-Seite war hingegen oft zu hören “ich kann das nicht!” oder „das geht nicht!“. Hier wurde meine Standardantwort, dass sie bitte die Aussagen umformulierten in “ich muss das noch üben” – “das fällt mir noch schwer”. Auch war die Beschreibung „das ist nicht schlecht“ wenig hilfreich und oftmals sogar kontraproduktiv. Irgend etwas war sicher gut gewesen – also: Positives stärken! Und das fing mit den eigenen Gedanken und den eigenen Formulierungen an.

Das Projekt erstreckte sich zwischenzeitlich auch auf mein tägliches Leben, in dem ich bemüht war, Dinge so zu beschreiben, wie sie wirklich waren oder wie ich sie konkret wahrnahm. Der Erfolg war eine durchweg positivere Beurteilung und Wahrnehmung meines Umfeldes, auch wenn es manchmal erschreckend war, wieviele Menschen nun plötzlich doch BLÖD waren.

In der Hoffnung, meine guten Vorsätze NICHT aus den Augen zu verlieren wünsche ich Gute Nacht und weiterhin viele positive Gedanken und Träume.